Entstehung des Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodells

Die Ursprünge des Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodells liegen im Bereich der klinischen Psychologie. Mit dem 1920 im Psychological Bulletin veröffentlichten Aufsatz „A Theory of Personality Based Mainly on Psychiatric Experience” und den darauffolgenden Weiterentwicklungen, legte Aaron Rosanoff den Grundstein für die spätere Entwicklung des Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodells. In seinem Aufsatz untersucht Rosanoff eine Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen und fasst deren fallstudienbasierte Beschreibungen zu insgesamt 4 geistigen Störungen zusammen:

  • Antisoziale Persönlichkeitsstörung
  • Zyklothymia (entspricht in etwa der manisch-depressiven Erkrankung)
  • Schizoide Persönlichkeitsstörung (anfangs nur Autismus)
  • Epilepsie

Als moderierenden Einfluss identifiziert er das „Normal“, eine Komponente, die sich im Wesentlichen gesellschaftskonform verhält und frei von mentalen Störungen ist. Rosanoff beschreibt diese 5 Komponenten als Temperamente, also als über längere Zeiträume stabile Neigungen zu bestimmten Denk- und Verhaltensweisen. In seiner Systematik treten die einzelnen Charakterkomponenten in der Regel in Kombination und nicht in Reinform auf. Zumindest zwei Besonderheiten des Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodells gehen also bereits auf Rosanoff zurück.

Basierend auf diesen Arbeiten Rosanoffs, veröffentlichten der Psychologe Doncaster Humm und Guy Wadsworth, Personalvorstand eines Gasunternehmens, 1935 das Werk „The Humm-Wadsworth Temperament Scale“ im American Journal of Psychiatry. Sie wollten herausfinden, welcher Charakter für welchen Job besonders gut geeignet ist. Zunächst verwendeten sie dafür bereits vorhandene Persönlichkeitstests. Sie mussten jedoch herausfinden, dass die bisher verfügbaren Tests in vielen Fällen keine ausreichende Differenzierung zuließen.

In ihren anfänglichen Tests hatten sie auch mit dem Konzept Rosanoffs experimentiert. Obwohl es entwickelt worden war, um psychische Störungen besser kategorisieren zu können, erzielten Humm und Wadsworth damit auch bei geistig gesunden Menschen gute Ergebnisse. Ihre These war, dass ein „normaler“ Mix der einzelnen Charakterkomponenten auch zu gesellschaftlich akzeptiertem Verhalten führt. Nur beim extremen Auftreten einzelner Charakterkomponenten ließe sich abnormales Verhalten beobachten.

Für Rosanoffs Persönlichkeitsmodell gab es jedoch noch keinen ausgearbeiteten Persönlichkeitstest. Humm und Wadsworth machten sich an die Arbeit und entwickelten einen Persönlichkeitstest, der auf den 5 oben beschriebenen Komponenten basierte. Für einige Komponenten konnten sie sehr gute Ergebnisse erreichen. Der Persönlichkeitstest zeigte signifikante Unterschiede und die Ergebnisse waren annähernd normalverteilt. Für andere Komponenten waren die Ergebnisse jedoch unbrauchbar.

Die gesammelten Daten wurden mit einer Faktorenanalyse erneut untersucht. Ergebnis dieser Analyse war, dass man 2 der 5 Komponenten weiter aufspalten sollte. Aus Zyklothymia wurden manisch und depressiv und aus der schizoiden Persönlichkeitsstörung wurden autistisch und paranoid. Die antisoziale Persönlichkeitsstörung wurde zudem in hysteroid umbenannt. Damit standen das Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodell und seine 7 Komponenten fest:

  • Normal
  • Manisch
  • Depressiv
  • Hysteroid
  • Autistisch
  • Paranoid
  • Epileptoid

Diese Persönlichkeitstypen von Humm und Wadsworth stehen in einem gewissen inhaltlichen Zusammenhang mit den dazugehörigen geistigen Beeinträchtigungen. Es lässt sich jedoch nicht pauschal sagen, dass z.B. alle Mover manisch oder alle Politicians paranoid sind. Auch wenn die durch Humm und Wadsworth gewählten Namen die Ähnlichkeit zwischen den Persönlichkeitstypen und den geistigen Störungen betonen, sollten Sie beachten, dass die beiden Forscher eigene Daten erhoben und mit einem mathematischen Verfahren analysiert haben. Dazu kommt, dass Rosanoffs Arbeiten heutzutage veraltet sind, da es in der Psychologie seit 1920 natürlich viele neue Erkenntnisse gab. Wenn Sie sich für diese Zusammenhänge interessieren, können Sie sich durch diesen Blogartikel exemplarisch über die Verbindung zwischen Autismus und Artist informieren.

In der Folgezeit erreichte das Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodell jedoch nur eine geringe Verbreitung. Seit den 50er Jahren wird es durch das Unternehmen Chandler Macleod in Australien angeboten. Seitdem konnten sie mit dem Humm viele Erfahrungen sammeln und es weiterentwickeln. Die Psychologen bei Chandler Macleod waren auch die ersten, die Heuristiken zum Erkennen der Persönlichkeitstypen entwickelten. Ihnen ist es also zu verdanken, dass sich die einzelnen Persönlichkeitstypen heutzutage ohne Persönlichkeitstests an Kleidung, Sprache, Auftreten, etc. ablesen lassen. Auf die Weitergabe dieses Wissens, damit es auch durch psychologische Laien angewendet werden kann, wird jedoch verzichtet. Inzwischen nutzt Chandler Macleod das Humm hauptsächlich als Persönlichkeitstest.

Seit den 90er Jahren gibt es mit Christopher Golis in Australien einen Trainer, der Anwendungswissen über das Humm weitergibt. Golis führte damals auch die neue Begrifflichkeit ein. Nur der jeweils erste Buchstabe blieb gleich, ansonsten wurden Namen gewählt, die nicht suggerieren, man sei geistig gestört. Carlo Düllings erlernte das Humm-Wadsworth-Persönlichkeitsmodell 2010 bei Christopher Golis. 2011 führte er das erste deutschsprachige Seminar durch.