Spiegelneuronen, Autismus und Empathie

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Im Umgang mit Autisten kommt es oft zu Missverständnissen. Sind dafür defekte Spiegelneuronen verantwortlich?

Autisten wird nachgesagt, sie hätten keine Empathie. Es steht die These im Raum, dass defekte Spiegelneuronen und Autismus Hand in Hand gehen. Aber beeinträchtigt Autismus tatsächlich die Arbeitsweise der Spiegelneuronen? Und wie nehmen Autisten selbst ihre Empathie wahr?

Im letzten Artikel hatte ich bereits beschrieben, was Autismus ist, was seine Ursachen sind und wie er mit dem HUMM®-Persönlichkeitsmodell zusammenhängt. Wie ich dort bereits erläutert habe, gibt es nicht den einen Autismus, sondern eine große Bandbreite unterschiedlicher Abstufungen. Je nach dem, wie stark und in welcher Form der Autismus bei einem Betroffenen auftritt, unterscheidet sich auch seine Empathiefähigkeit.

Wie empfinden Autisten Empathie?

Wen könnte man besser fragen, wie sich Empathie bei Autismus verhält, als die Autisten selbst?

Sabine Kiefner erkennt, dass ein Lachen mit Freude und Weinen mit Trauer zusammenhängt, aber eine feinere Einordnung ist meist nicht möglich. Außerdem fällt es ihr schwer, die Ursachen eines Gefühls bei ihrem Gegenüber zu identifizieren oder zwischen den Zeilen zu lesen. Sie schreibt:

„Zu fühlen, was mein Gegenüber gerade fühlt, […] in seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, was er gerade denkt, […] das sind Dinge, die mir zu einem großen Teil verschlossen und unbegreiflich sind.“ und „vieles, was andere Menschen intuitiv erkennen, kann ich nur mit Hilfe der Logik erarbeiten“

Gerhard Gaudard beschreibt vor allem seine Wahrnehmung von emotionaler Empathie. Nicht-Autisten können die Gefühle eines anderen in jeder Situation wahrnehmen und darauf reagieren. Für Herrn Gaudard ist dies jedoch nicht möglich. Er kann die Gefühle eines anderen nur dann nachvollziehen, wenn er bereits ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Aber selbst dann kann er nicht wirklich mitfühlen:

„Das ergibt für mich keinen Sinn. Wieso soll ich plötzlich leiden, wenn es mir gut geht? Dem anderen geht es schlecht, nicht mir.“

Zuletzt möchte ich noch die Aussagen einer anonymen Autistin zitieren. Neben Autismus ist sie auch von Gefühlsblindheit, auch Alexithymie genannt, betroffen, was bei Autismus gar nicht so untypisch ist. Durch die Gefühlsblindheit nimmt sie zwar wahr, ob sie sich gut oder schlecht fühlt, eine genauere Unterscheidung fällt ihr jedoch schwer. Sie können sich sicherlich leicht vorstellen, dass es für jemanden, für den das Deuten der eigenen Gefühle bereits schwierig ist, fast unmöglich sein muss, die Gefühle anderer richtig zu erkennen:

„Erstens ist es schwer für mich zu erkennen, wie der andere sich fühlt (außer ich kenne die Person und ihr Verhalten sehr gut) und zweitens kann ich eine Situation nicht nachempfinden, wenn ich diese nicht schon einmal empfunden habe. Die Perspektive wechseln, mich in eine andere Person hinein zu versetzen ist mir schlichtweg nicht möglich.“

Alle drei haben also große Probleme zu erkennen, was in ihrem Gegenüber vorgeht (kognitive Empathie). Auch im Bereich der emotionalen Empathie, also der Ansteckung durch Gefühle anderer, zeigen sich Defizite, die durch den Bezug auf eigene, ähnliche Erfahrungen aber zumindest teilweise kompensiert werden können.

Spiegelneuronen und Autismus – was passiert im Gehirn eines Autisten?

Wenn Nicht-Autisten Emotionen aus einem Gesicht herauslesen, schalten sich unter anderem auch spezielle Hirnareale ein, die nur dafür zuständig sind. In diesen Bereichen befinden sich besonders viele Spiegelneuronen. Bei Autisten ist dies anders. Statt zur Deutung von Gesichtsausdrücken auf diesen speziellen Bereich zuzugreifen, nutzen Menschen mit Autismus das Hirnzentrum, das für die Erkennung von Objekten zuständig ist. Aber hängt das wirklich damit zusammen, dass die Funktionsweise der Spiegelneuronen beim Autismus beeinträchtig ist?

Vilayanur Ramachandran konnte in seinen Forschungen durch EEGs nachweisen, dass sich die Hirnströme von Normalen und Menschen mit Autismus unterscheiden. Wenn Nicht-Autisten eine Handlung durchführen oder beobachten, werden µ-Wellen, also bestimmte Hirnströme, unterdrückt. Auch bei Autisten werden diese µ-Wellen unterdrückt, wenn sie eine Handlung selbst durchführen. Wenn sie eine Handlung jedoch nur beobachten, findet diese Unterdrückung nicht statt.

Auch Spiegelneuronen sind im Normalfall beim Beobachten und Ausführen von Handlungen gleichermaßen aktiv. Ramachandran folgerte aus seinen Ergebnissen deshalb, dass die Aktivität der Spiegelneuronen die Unterdrückung der µ-Wellen verursacht. Spiegelneuronen funktionieren bei Autisten demzufolge anders, als bei Nicht-Autisten. Meiner Meinung nach eine schlüssige These, da Spiegelneuronen nicht nur für Bewegungen, sondern auch für Empathie von Bedeutung sind und diese bei Autisten wesentlich geringer ausgeprägt ist.

Dem entgegen stehen die Ergebnisse von Ilan Dinstein. Er verglich die Aktivität der Spiegelneuronen bei Autisten und Nicht-Autisten, wenn diese Handhaltungen betrachten bzw. durchführten. Dabei konnte er keine Unterschiede feststellen.

In seinen Untersuchungen wurden jedoch keine Bewegungen, sondern starre Handhaltungen untersucht. Spiegelneuronen sind aber für eine Handlung, also etwas trinken und nicht für die Teilhandlung ein Glas halten zuständig. Wenn Sie nach einem Glas greifen, um zu trinken, sind andere Spiegelneuronen aktiv, als wenn Sie nach dem Glas greifen, um den Tisch abzuräumen.

Was ebenfalls kritisch beurteilt werden muss ist, dass er Autisten mit neurologischen Störungen von der Untersuchung ausgeschlossen hat. Da er keine genaueren Angaben zu den neurologischen Störungen macht, führt das die gesamte Studie ad absurdum, da Autismus selbst bereits als neurologische Störung angesehen wird. Wenn er z.B. nur Fälle von sehr schwachem Autismus untersucht hat, sind seine Ergebnisse nicht generalisierbar.

Insgesamt ist es also recht wahrscheinlich, dass Spiegelneuronen beim Autismus in ihrer Funktionsweise beeinträchtigt sind. Endgültig bewiesen ist dies jedoch noch nicht, da sowohl Spiegelneuronen als auch Autismus noch nicht vollständig erforscht sind.

Wie können Autisten ihre Empathie verbessern?

Um besser zu verstehen, was in einem anderen Menschen vorgeht, stehen für Autisten grundsätzlich dieselben Trainingsmethoden zur Verfügung, die Nicht-Autisten nutzen.

Je nach Quelle gibt es ca. 4 bis 8 Mal so viele männliche wie weibliche Autisten. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Einer ist z.B., dass Frauen durch ein generell größeres Interesse an Kommunikation und durch sozialere Verhaltensmuster die typisch autistischen Symptome schlicht besser „bekämpfen“. Ohne wissenschaftliche Belege, bleibt dies zwar nur eine Theorie, sollte sie sich aber bewahrheiten, spricht dies für eine Kompensationsstrategie. Demzufolge sollten Sie vor allem die emotionalen Aspekte der Empathie trainieren, was Sie z.B. mithilfe bestimmter Meditationstechniken erreichen können.

Meiner Meinung nach ist es für Sie als Autist jedoch effektiver, wenn Sie Ihre Empathie auf analytischem Wege verbessern, da eine analytische, rationale Herangehensweise eher dem Naturell der meisten Autisten entspricht. Hierfür ist die Verwendung eines Persönlichkeitsmodells am besten geeignet.

Welches Persönlichkeitsmodell für Sie am besten geeignet ist, müssen Sie selbst entscheiden. Aus verschiedenen Gründen empfehle ich das HUMM®-Persönlichkeitsmodell fürs Empathietraining. Das HUMM® ist ein Modell von Temperamenten. Temperamente sind langfristig konstant und die Basis der eher kurzweiligen Gefühle. Mit dem HUMM® werden Sie also nicht unmittelbar die Gefühlslage erkennen, aber Sie bekommen ein besseres Gespür dafür, was in Ihrem Gegenüber vorgeht, was ihm wichtig ist und was ihn ausmacht.

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